Aus der AGFS

Ist unsere Verkehrsplanung männlich?


„Verkehrsplanung entspricht oftmals nur männlichen Bedürfnissen“, sagen Expertinnen des Netzwerks „Women in Mobility“. Sie fordern die Aufhebung der Geschlechterlücke bei Erhebungen und eine stärkere Sichtbarkeit und Teilhabe von Frauen in der Mobilitätsbranche.

Seit Jahren nimmt das Thema Frauen und Mobilität an Bedeutung zu. Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern im Mobilitätsverhalten und damit auch die verschiedenen Ansprüche an das Verkehrssystem sind lange bekannt: Frauen leisten nach wie vor den größten Anteil an Care-Arbeit, das heißt, sie übernehmen mehr Verantwortung für die Organisation des Familienlebens. Auf der Fahrt zur Arbeit stoppen sie bei der Kita, der Schule, dem Bäcker, auf dem Rückweg am Supermarkt und am Fußballtrainingsplatz. Dies geht in der Regel mit dem Transport von Einkäufen und Familienmitgliedern einher. Trip-Chaining nennt sich diese Kombination verschiedener Wege, die häufig mit dem Rad oder zu Fuß zurückgelegt werden und damit stark von einer guten Fuß- und Radinfrastruktur abhängig
sind. Die „weiblichen Wege“ führen demnach seltener als bei Männern direkt zu einem Endziel.

Defizite in Erhebungen – Gender-Data-Gap

Das Trip-Chaining ist (bei Frauen) zwar lange bekannt, aber die Mobilitätsdaten weiblicher Mobilität werden in Erhebungen oftmals unzureichend abgebildet, so beanstandet das Netzwerk „Women in Mobility“. Bei einer traditionellen Mobilitätserhebung wird beispielsweise abgefragt, ob man zur Arbeit oder nach Hause fährt oder aus Freizeitgründen unterwegs ist. Im Ergebnis werden die Fahrt in den Kindergarten, Einkäufe für die Familie oder Besorgungen für die Eltern, also Wege zur Erledigung unbezahlter Arbeit, unter Freizeit subsummiert. Ein symptomatisches Beispiel dafür, dass relevante Kategorien nicht erfasst und Wegeketten nicht abgebildet werden, so die Expertinnen des Netzwerks. Ihren Ursprung hat diese Datenlücke darin, dass Städte und damit einhergehend Verkehrsplanung
historisch betrachtet mehrheitlich von Männern geplant und gestaltet wurden. Weibliche Bedürfnisse seien deshalb unterrepräsentiert, was zur Folge hat, dass Frauen solche geplanten Systeme in geringerem Umfang in Anspruch nehmen. Das läuft wiederum darauf hinaus, dass Frauen weniger Daten generieren und die erhobenen Daten ihr Mobilitätsverhalten nicht adäquat widerspiegeln.

Ruf nach mehr Präsenz der Frauen in der Mobilitätsbranche

In Politik, Verwaltungen und Unternehmen entscheiden im Mobilitätsbereich immer noch fast ausschließlich Männer. Nur 3% der CEOs sind weiblich. Die Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW mit ihrem weiblichen Vorstand Christine Fuchs bildet eine der wenigen Ausnahmen. Im gesamten europäischen Verkehrssektor arbeiten nur 22% Frauen. Es fehlt also die weibliche Perspektive – auch in der zukünftigen Planung. Eine stärkere Einbeziehung von Frauen in die Gestaltung, Erfassung und Analyse von Mobilitätskonzepten ist damit längst überfällig und eine Hauptforderung des Netzwerks „Women in Mobility“. Mit besserer Positionierung von Frauen in Führungspositionen sollen zukünftig Anliegen, Produkte und Anforderungen von weiblichen Verkehrsteilnehmerinnen stärker berücksichtigt werden.


Gender-Data-Gap

Die sogenannte Geschlechter-Datenlücke bezeichnet fehlende oder unterrepräsentierte Datenerhebungen für ein bestimmtes Geschlecht bei Datenerhebungsverfahren, die gesellschaftlich, wirtschaftlich oder medizinisch relevant sind, zu Ungunsten des jeweiligen Geschlechts. Darüber hinaus bezeichnet der Begriff auch das Fehlen von Erhebungen, die nur ein Geschlecht betreffen, die aber ökonomische und politische Konsequenzen nach sich ziehen würden, wie z.B. die Menge an nicht bezahlter Arbeit bei Tätigkeiten im Haushalt von Frauen oder wie erwähnt die Nicht-Erhebung von spezifischen Wegedaten. Der Begriff steht in einer Reihe von „Gender-Gaps“, die im Zusammenhang mit Gender Studies in den letzten 20 Jahren identifiziert wurden und auf die institutionell benachteiligte Situation insbesondere der Frau in der Gesellschaft hinweisen.

Trip-Chaining

Die Kombination verschiedener Wege, die stark von einer guten Fuß- und Radinfrastruktur abhängig sind.


Interview

Isabell Eberlein bezeichnet sich selbst als politische Radfahrerin. Sie ist studierte Politikwissenschaftlerin mit Fokus auf Umwelt, Verkehr und Nachhaltigkeit. Bei Velokonzept erarbeitet sie neue und innovative Konzepte für die Fahrradbranche und verknüpft die unterschiedlichen Akteure rund um das Fahrrad im VELOLab. Diversität ist ihr Herzensthema, daher setzt sie sich für Frauenfahrradnetzwerke ein, u.a. auch bei „Women in Mobility“.

Wir haben Isabell Eberlein, eine Mitstreiterin bei „Women in Mobility“, nach ihrer persönlichen Meinung gefragt.

Warum sind sie bei „Women in Mobility“ aktiv?

Ein einschneidendes Erlebnis war für mich die Eurobike Messe vor ein paar Jahren: Frauentoiletten wurden in Herrentoiletten umfunktioniert, da die Besucher überwiegend männlich waren. Auch heute noch gibt es in der gesamten Mobilitätsbranche laut EU-Kommission in Europa nur 22 Prozent Frauen. Mich reizt bei „Women in Mobility“ besonders, dass das Netzwerk mobilitätsübergreifend Vernetzungsmöglichkeiten für Frauen schafft. Ich trage aktiv dazu bei, dass Frauen sich kennenlernen und gegenseitig unterstützen – und dass nicht nur im Fahrradsektor. Mir kommt es vor allem auf den Blick der Diversität an, weniger steht für mich die Genderfrage im Vordergrund. Die Forderung nach mehr Frauen ist hier der erste Schritt. Aber wie sieht es mit benachteiligten sozialen Gruppen aus, Menschen mit anderen kulturellen und religiösen Hintergründen?

Wie ist ihre Zukunftsvision im Hinblick auf Verkehrsplanung?

Status quo in unseren Planungen ist bisher ein eindimensionaler Weg in einer eindimensionalen Stadt. Das bedeutet, wir haben eine stringente Planung von der Wohnung zur Arbeit und zurück. Meine Vision für die Zukunft ist: Jeder kann auf einfache Art und Weise das Verkehrsmittel auswählen und nutzen, das bequem ist, aber auch klimafreundlich. Wir verweilen in der begrünten Stadt und unsere Kinder bewegen sich auf der Straße und fühlen sich dabei sicher. An entscheidenden Stellen wird der Blick für die Diversität geschult. Denn gebaute Infrastruktur hat Auswirkungen, aber auch unsere Bilder und Sprache: Hier fahren coole Rapper mit dicken Autos um den Block, in den Niederlanden mit Custom-Fahrrädern. Hier ist das Fahrrad für Leute, die Sport machen wollen oder kein Geld für ein Auto haben, für Senioren scheint das Rad aufgrund ihres Alters nicht zumutbar zu sein. Das ist in anderen Ländern anders.

Frau Eberlein, fahren sie Rad in Berlin?

Aber ja! Ich fahre einen Schindelhauer [Fahrradmarke aus Berlin, Anm. d. Red.], eine alte Möhre, die ich überall abstellen kann, ich teile mir im Sharing ein Lastenrad, und für alle Fälle habe ich noch ein Falt-Bike [lacht]. Als Radbegeisterte habe ich im Februar 2020 mit anderen Frauen das Netzwerk „Women in Cycling“ gegründet. Das Besondere ist, dass wir Frauen aus dem ganzen Sektor ansprechen, egal ob sie in der Industrie, in der Forschung oder bei einer Behörde arbeiten, um den Radverkehr zu fördern. Auch hier möchten wir mehr Sichtbarkeit für Frauen schaffen.

Über Women in Mobility

Für eine bessere Sichtbarkeit von Frauen in der Mobilitätsbranche „Women in Mobility“ ist eine Plattform für den Austausch von Frauen aus der Mobilitätsbranche. Regelmäßig werden Veranstaltungen organisiert, die auch in Kooperation mit anderen Mobilitätsveranstaltungen stattfinden. Außerdem stehen die Mitglieder über soziale Medien in Verbindung. Ihr Anliegen ist es, Frauen mehr Sichtbarkeit in der Branche zu verschaffen und ihre Belange besser zu vertreten. Das Netzwerk „Women in Mobility“ hat eine Liste von zehn Punkten veröffentlicht, die aufzeigt, wie sich weibliche von männlicher Mobilität unterscheidet.

Was sind konkrete Ziele?

• Fachlicher Diskurs zum Thema Mobilität mit den Schwerpunkten vernetzte, gendergerechte, ressourcenschonende und sozial verträgliche Mobilität

• Frauen aus der Mobilitätsbranche als Sparringspartnerinnen, Führungskräfte, Expertinnen und Speakerinnen mehr Wahrnehmung zu verschaffen

Wie kann man mitmachen?

„Women in Mobility“ ist auf vielen unterschiedlichen Social-Media-Plattformen wie zum Bespiel XING, LinkedIn und Twitter vertreten, denen man einfach beitreten kann. Alle Mitglieder können kostenfrei netzwerken, sich austauschen, voneinander lernen, Fragen stellen oder sich zu bestimmten Fragen informieren. Herzstück sind die geschlossenen „Women in Mobility“-Gruppen (WiM). Demnächst sind auch wieder persönliche Begegnungen bei regionalen Treffen geplant.

Weitere Informationen und Veranstaltungen unter: www.womeninmobility.org

Dieser Artikel ist zuerst in der "nahmobil" (Heft 19, Juni 2022) erschienen. (Download als Pdf)