Aus der AGFS

„Radschnellwege haben gerade in Ballungsräumen einen sehr hohen Stellenwert.“

Acht Fragen an Elfriede Sauerwein-Braksiek

Elfriede Sauerwein-Braksiek ist Direktorin des Landesbetriebes Straßenbau NRW. Zu dessen Aufgaben gehört auch die Umsetzung von Radschnellwegen. Zur AGFS und ihrem Thema „Nahmobilität“ besteht damit neben der Anlage von straßenbegleitenden Rad und Gehwegen an klassifizierten Straßen sowie der Gestaltung von Ortsdurchfahrten eine weitere Schnittstelle. Eine engere Zusammenarbeit der beiden Institutionen ist wünschenswert und auch schon in Vorbereitung, ein erster Schritt dazu war die Durchführung einer gemeinsamen Planerwerkstatt im Februar 2019.

Frau Sauerwein-Braksiek, Sie haben am Ende der Planerwerkstatt eine positive Bilanz zur Veranstaltung gezogen. Welche Punkte waren ausschlaggebend für Ihre Bewertung?

Bei der Planerwerkstatt konnten die Teilnehmer in einer kreativen Atmosphäre und losgelöst vom Alltagsgeschäft gemeinsam an Projekten arbeiten und Lösungen suchen. Und die Betonung liegt dabei wirklich auf dem Wort „gemeinsam“. In der Werkstatt-Atmosphäre haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kommunen und die Straßen.NRW-Kollegen tatsächlich auch einmal „um die Ecke“ gedacht und dabei Ideen entwickelt, die die Projekte voranbringen können. Zwei Tage gemeinsam zu arbeiten, aber auch Zeit zu haben, einmal abseits der Fachthemen ins Gespräch zu kommen, schafft eine vertrauensvolle Atmosphäre. Das wollen wir auf jeden Fall mit weiteren Planerwerkstätten fördern.

Bei welchen Themen sehen Sie weitere Kooperationsmöglichkeiten?

Grundsätzlich geht es darum, Verkehr nicht mehr nur vom Auto aus zu denken. Städte und Gemeinden wollen ihren Bürgern ein lebenswertes und attraktives Umfeld bieten. Das bedeutet oft, dass Verkehr zurückgedrängt werden soll. Hier muss man gemeinsam nach Lösungen suchen, wie Fußgänger, Radfahrer und in Zukunft vielleicht auch noch E-Scooter-Fahrer sicher unterwegs sein können, ohne dass die Verbindungsfunktion von Straßen verloren geht.

Welchen verkehrlichen Stellenwert bzw. welche Funktion haben aus Ihrer Sicht Radschnellwege?

Radschnellwege haben gerade in den Ballungsräumen einen sehr hohen Stellenwert. Die schnelle Verbindung von A nach B, die sicher und zuverlässig mit dem Rad zu nutzen ist, kann in den Städten zu einer enormen Entlastung der oft angespannten Verkehrslage führen. Und ich bin überzeugt, dass viele Menschen gerne das Rad nicht nur in der Freizeit, sondern auch für den Weg zur Arbeit nutzen möchten. Dazu müssen aber die Voraussetzungen stimmen und daran arbeitet Straßen.NRW. Mit den Möglichkeiten der E-Bikes werden die Radschnellwege auch für die ländlichen Regionen immer interessanter, weil mit diesen Rädern auch bequem weitere Strecken zu bewältigen sind. Wichtig ist aber, gleichzeitig die übrige Radinfrastruktur weiter zu fördern. Dies gelingt uns z.B. mit dem Instrument der Bürgerradwege. So kann dort, wo der Landesbetrieb nicht mit erster Priorität bauen kann, dennoch eine funktionierende Infrastruktur geschaffen werden.

Ein Thema interessiert unsere Leser besonders: Wie geht es mit den Radschnellwegen in NRW, besonders mit dem RS1 weiter? Wann wird es möglich sein, von Hamm bis nach Duisburg „in einem Rutsch“ fahren zu können?

Straßen.NRW ist vor etwas mehr als zwei Jahren in die Planung des RS1 eingestiegen. Dabei hat sich im Vergleich zur Machbarkeitsstudie aber eine wichtige Voraussetzung geändert: Radschnellwege sind einer Landesstraße gleichgesetzt, was Planung und Bau angeht. Das hat den Vorteil, dass auch Landesmittel für diese Wege fließen, es bremst das Verfahren aber auch, weil wir in vielen Fällen eine aufwendigere Planung vorlegen müssen, die der einer Landesstraße gleichkommt. Beim RS1 kommt hinzu, dass einige Teilstrecken von den Städten geplant und gebaut werden. Hier finden zwar regelmäßige Abstimmungen statt, wie schnell die Planungen in den Kommunen vorangetrieben werden, liegt aber nicht in unserer Hand. Wir wollen bei diesem wichtigen Projekt aber dennoch vorankommen und gehen mit einem engagierten Team an die Planungen. Und auch wenn der RS1 aus vielen Teilstücken zusammenwachsen muss, die einzelnen Abschnitte haben, wie man in Essen und Mülheim sieht, auch schon eine bedeutende Funktion für die Mobilität der Bürger dort.

Was sind Ihrer Meinung nach die zentralen Herausforderungen an die Mobilität der Zukunft?

Mobilität wird in der Zukunft vor allem durch Vernetzung der unterschiedlichen Verkehrsträger und intelligente Steuerung funktionieren. Darauf müssen wir uns bei unseren Planungen einstellen. Die Herausforderung ist, viele Akteure an einen Tisch zu bekommen und auch alle Interessen zu kennen. Wir müssen also ins Gespräch kommen und Rücksicht auf die unterschiedlichen Bedürfnisse nehmen. Das gilt für die Wünsche von Fußgängern und Radfahrern nach Sicherheit und einem lebenswerten Umfeld ebenso wie für die Anforderungen von Wirtschaft und Handel an eine funktionierende Infrastruktur.

Der Ruf nach Tempo 30 auch auf klassifizierten Straßen zumindest in sensiblen Innerortsbereichen wird immer lauter. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Tempo 30 kann in sicherheitsrelevanten Bereichen schon jetzt realisiert werden. Allerdings darf ein solches Instrument der Verkehrssteuerung auch nicht abgenutzt werden. Dann verliert es die Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer. Bundes und Landesstraßen haben eine überregionale Funktion und wir sind auch dafür verantwortlich, den Verkehr fließen zu lassen. Wir müssen also die Situation vor Ort betrachten und gemeinsam Lösungen finden. Wenn es um eine generelle Regelung geht, innerorts Tempo 30 einzuführen, so ist das eine politische Entscheidung, die wir als Straßen.NRW nicht treffen.

Persönlich: Sind Sie eher mit dem Rad, zu Fuß, mit Bus/Bahn oder … unterwegs?

Zugegeben, mit dem Rad nicht so häufig. Aber mit der Bahn, soweit es die Koordination der Termine möglich macht. Und zur Entspannung schnüre ich gerne die Laufschuhe.

Was möchten Sie unseren Lesern zum Abschluss noch mit auf den Weg geben?

Lassen Sie uns im Gespräch bleiben. Straßen.NRW setzt bei seinen Projekten auf eine frühe Beteiligung der Bürger, um Anregungen und Kritik noch im Planungsprozess aufzunehmen. Auch wenn wir nicht allen Wünschen entsprechen können, bin ich überzeugt, dass wir gemeinsam zu einem besseren Ergebnis für eine gute Mobilität kommen.

 

Das Interview ist zuerst in der "nahmobil" (Heft 13/ Juni 2019) erschienen.