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Neu im Präsidium

Dr. Christian Schulze Pellengahr, neues Mitglied im Präsidium der AGFS, im Interview mit der "nahmobil"

Christian Schulze Pellengahr ist seit 2015 Landrat des Kreises Coesfeld, aus dem er auch stammt und der ihn in vielerlei Hinsicht geprägt hat: Zum einen beschäftigt  sich der Jurist intensiv mit der der Geschichte und den Traditionen seiner Heimat, zum anderen interessiert er sich auch sehr für die Gestaltung der Zukunft. Dazwischen ist er im besten Wortsinn „viel unterwegs“. Beruflich, aber auch ehrenamtlich engagiert er sich seit seiner Jugend in Coesfeld und Umgebung in verschiedenen Themenfeldern tatkräftig. Das gilt vor allem für die Entwicklung des Radverkehrskonzeptes im Kreis Coesfeld, das unter seiner Ägide sowie unter reger Bürgerbeteiligung seit 2018 zustande gekommen ist. Denn Christian Schulze Pellengahr ist nicht nur privat ein begeisterter Radfahrer, sondern auch verkehrspolitisch ein Verfechter von bewegungsorientierter Nahmobilität. Als neues Präsidiumsmitglied der AGFS möchte der promovierte Jurist die Städte, Gemeinden und Kreise ermutigen, die kommenden Konzepte und Pläne im Rahmen des neuen Fuß- und Radverkehrsgesetzes NRW mit viel Geduld und Hartnäckigkeit zu prüfen und umzusetzen.

Herr Dr. Schulze Pellengahr, wie sehen Sie ganz aktuell das neue Fahrrad- und Nahmobilitätsgesetz NRW, das Herr Wüst erst gestern vorgestellt hat?
Ich finde gut, dass das Land sich auf ein Ziel, ich sage jetzt mal so salopp gesprochen: eingeschossen hat, und dass man wirklich den Anteil an Fahrradfahrer*innen so deutlich erhöhen möchte. Das ist ambitioniert. Das ist sicherlich auch nicht mal eben so zu machen. Aber ich meine, wir sehen es bei unseren niederländischen Nachbarn, dass es machbar ist. Die Kolleg*innen jenseits der Grenze in den Niederlanden sind recht zügig unterwegs, und ich finde das immer wieder faszinierend.
Warum sollte uns das nicht auch gelingen? Man muss jetzt die Rahmenkriterien setzen. Wir sind hier – insbesondere die AGFS – in einem guten Dialog. Und aus meiner Sicht besteht auch die grundsätzliche Bereitschaft, das intensiv zu verfolgen.

Als Landrat sind Sie verantwortlich für elf Städte und Gemeinden. Was sind rückblickend Ihre Erfahrungen mit der Einführung des neuen Radverkehrskonzeptes im Kreis Coesfeld?
Wir haben uns konzeptionell intensiv auf den Weg gemacht, um das Radverkehrskonzept systematisch anzugehen. Es war uns sehr wichtig, die Bürgerschaft mit einzubinden. Und da kamen viele super Hinweise. Alles ist natürlich nicht immer so einfach machbar und man braucht auch gerade bei solchen Planungen – das habe ich auch in meiner früheren Funktion als Bürgermeister erleben dürfen – viel Geduld. Und der oder die eine oder andere sagt natürlich: „Mensch, das muss doch
eigentlich schneller gehen.“ Ich bin manchmal auch durchaus etwas ungeduldig, aber bei Planungsprozessen sind eben viele Belange einzubeziehen. Das kann man nicht alles mal eben so eigenständig machen. Das ist hier in Deutschland auch ziemlich fein ziseliert, so entstanden und fortentwickelt worden. Aber da sind wir mit den Partnern auf einem ganz guten Weg – wenn auch noch genug zu tun ist.

 

Und wie haben Sie die Bürgerschaft mit eingebunden? Welche Empfehlungen können Sie aufgrund dieser Erfahrungen den AGFS-Kommunen weitergeben?
Ich will ja gar nicht verhehlen, dass ich erst selber gedacht habe: Hm, klappt das wohl? Weil manchmal – oder oftmals – ist ja der Kreis gefühlt auch von der Bürgerschaft dann schon ein Stückchen weiter weg, als es bei der Stadt oder der Gemeinde der Fall ist. Sodass ich mir da selbst die Frage gestellt habe: Wird sich da wohl jemand melden? Das war aber ruckzuck klar, als das gerade in den Medien war. Da trudelten hier schon die ersten E-Mails und Schreiben und Telefonanrufe ein, sodass mich das eigentlich ziemlich bestärkt hat zu sagen, okay ist ein wichtiges Thema, berührt wirklich eigentlich fast jeden. Und das ging durch alle Altersgruppen hindurch. Es war einfach toll zu sehen, wie viele Rückmeldungen wir bekommen haben. Diese Vorgehensweise kann ich wirklich nur empfehlen.

Möchten Sie als neues Präsidiumsmitglied der AGFS den Kommunen darüber hinaus noch etwas ans Herz legen? Haben Sie eine Message?
Einfach noch mal die Ermutigung: Man muss bei seinen Planungsvorhaben einfach viel Geduld mitbringen und man darf sich auch nicht entmutigen lassen. Denn manchmal gibt es so Erlebnisse, auch mit anderen Behörden, speziell mit übergeordneten Behörden, dass dort viel Kreativität darauf verwandt wird, warum etwas nicht geht, anstatt nach Lösungen zu suchen. Da braucht man schon eine gewisse Hartnäckigkeit und einen verbindlichen Tonfall, um zum Ziel zu kommen. Das habe ich selbst inzwischen schon gelernt – und das würde ich auch immer empfehlen –, dass man sich einfach nicht durch Rückschläge entmutigen lassen darf, sondern an den eigenen Planungsvorhaben rund um die Nahmobilität dranbleibt. Und nur so kommt man, mit einem langen Atem, zu guten Ergebnissen.

Kommen wir zu einem Thema, das die AGFS zurzeit sehr beschäftigt: Glauben Sie, dass wir in NRW ausreichend Planer*innen haben? Wie ist die Situation  in Ihrem Umfeld? Und wie schätzen Sie „Plane Deine Stadt!“, die neue Kampagne der AGFS, ein?
Nun, wenn ich bei uns anfange, dann kann ich klar sagen: Nein, wir haben nicht genug Planer*innen. Wir bemühen uns schon seit einer ganzen Zeit für entsprechende  Planungsvorhaben Nachwuchskräfte zu gewinnen – oder überhaupt Kräfte zu gewinnen. Und offen gestanden waren bisher die Ausschreibungen, die wir veröffentlicht  haben, ziemlich ernüchternd. Und wenn ich mich umhöre bei den Kolleg*innen, ist das kein Einzelfall, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch viele Kommunen und Kreise. Von daher haben wir absoluten Mangel. Ich finde die Kampagne „Plane Deine Stadt!“ einfach klasse. Um drauf aufmerksam zu machen und gerade auch die Heranwachsenden zu erreichen. Aber auch hier braucht man einen langen Atem, bis sich jemand wirklich entschließt: Okay, das ist genau das, was ich machen möchte. Und bis er oder sie dann die Ausbildung oder die Ausbildungen durchlaufen hat: Studium etc., das dauert einfach Jahre, bis das dann auch auf dem Arbeitsmarkt spürbar wird. Aber man muss ja irgendwann mal anfangen!

Wir würden gerne Verkehrsplaner*innen dazu bewegen, Schüler*innen mal für einen Tag schnuppern zu lassen, sodass sie das Berufsfeld überhaupt  kennenlernen können. Würden Sie diesen Appell unterstützen? Auf jeden Fall. Wir haben in anderen Bereichen der Verwaltung  auch einfach super Erfahrungen  mit solchen Schüler*innenpraktika gemacht. Gar keine Frage. Die Erfahrung zeigt, dass der ein oder andere oder die eine oder andere einfach immer noch mal so einen praktischen Impuls braucht, noch mal überzeugt werden muss, dass das gar nicht langweilig ist, sondern dass man da ganz toll kreativ gestalten kann – die eigene Stadt, die eigene Umgebung. Von daher unterstütze ich das sehr gerne.

Ja, super.
Gegen Ende des Interviews werfen wir einen Blick weit voraus in die Zukunft, sagen wir ins Jahr 2030: Wie sieht für Sie die gesunde Nahmobilität im Kreis  Coesfeld dann aus? Was ist Ihre Vision?

Wenn man träumen darf, dann wäre es einfach klasse, wenn Fahrradfahren quasi die erste Wahl für den wirklichen Nahmobilitätsbereich ist. Und dass wir darüber  hinaus ein gutes vernetztes und ineinandergreifendes Mobilitätsnetz haben. Gerade auch was den ÖPNV anbetrifft: Dass die meisten Familien, die noch über ein Zweit-  oder sogar Drittauto verfügen, sich unkompliziert dafür entschließen können, zu sagen, okay, das zweite Auto können wir gerne einsparen. Das man in der  ländlichen Region trotzdem nicht ganz auf ein Auto wird verzichten können, liegt auf der Hand, allein für Einkäufe etc. Aber wenn wir so gut werden, viele Projekte beim  Radwegebau zeitnah umzusetzen und auch Verbesserungen im Bestand und auch bei der Vernetzung mit den übrigen Mobilitätsbereichen zu erwirken, dann könnte  diese Vision 2030 Wirklichkeit werden.

Zum Abschluss noch ein Blick in die unmittelbare Zukunft: Was bringt das Jahr 2021 – Stichwort Corona und Radfahren?
Dieses Jahr ist nach wie vor so massiv von Corona überlagert, dass manchmal solche wichtigen Themen wie Nahmobilität ein Stück weit in die zweite Reihe treten. Für mich ist es einfach wichtig, dass wir trotz enormer zusätzlicher Belastungen durch die Corona-Pandemie gerade jetzt mit der Umsetzung – in unserem Fall des Radverkehrskonzeptes – trotzdem weiterkommen. Das war ja schon in der Verabschiedung unter Corona nicht so ganz einfach. Mir ist sehr wichtig, dass wir jetzt auch
konsequent am Ball bleiben und den gewonnenen Schwung, den wir durch Corona im Hinblick auf das Radfahren erhalten haben oder den man auch selber bei der Thematik erhalten hat, dass wir den halt nutzen und alle Akteure im Laufe dieses Jahres auch so einbinden, dass wir jetzt mit frischer Fahrt sukzessive in die Umsetzung kommen.

Ganz herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Schulze Pellengahr!

Das Interview erschien zuerst im AGFS-Magazin "nahmobil" Ausgabe 17, Juni 2021. Lesen Sie hier das gesamte Heft online (pdf) oder bestellen Sie sich ein Printexemplar in unserer Mediathek.