Querungsstellen für die Nahmobilität

Kreuz und quer = Stop-and-Go?

Neuauflage des Handlungsleitfaden „Querungsstellen für die Nahmobilität - Hinweise für den Rad- und Fußverkehr“ erschienen

Noch nie stand das Radfahren so sehr im Fokus wie derzeit. Wesentlich hierzu beigetragen hat das stetig zunehmende Bewusstsein der Bevölkerung für die Themen „Klima“ und „Gesundheit“. Das drückt sich auch darin aus, dass aktuell in Nordrhein-Westfalen das erste Fahrrad- und Nahmobilitätsgesetz in einem Flächenland in Deutschland auf den Weg gebracht wurde.

Durch die COVID-19-Pandemie wurde der Radverkehr zudem nochmals verstärkt in die öffentliche Diskussion gebracht. Aufgrund mangelnder Freizeitaktivitäten wegen der pandemiebedingten Einschränkungen und gleichzeitiger Sorgen vor einer Ansteckung bei einer Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind immer mehr Menschen mit dem Rad unterwegs. Dies schlägt sich auch in den Verkaufszahlen an Fahrrädern und E-Bikes für das Jahr 2020 nieder: der Absatz stieg auf über 5 Mio. verkaufte Fahrräder und E-Bikes in Deutschland; davon rd. 2 Mio. E-Bikes.

Radverkehrsinfrastruktur muss durchgängig und schnell sein

Die Radfahrenden finden dabei jedoch nicht überall eine optimale Infrastruktur vor. Einige Kommunen reagierten auf die steigenden Zahlen an Radfahrenden mit „Pop-Up-Radwegen“. Diese „Pop-Up-Radwege“ können ein qualitatives Angebot an Infrastruktur, welche von den Radfahrenden als attraktiv, komfortabel und sicher empfunden wird, nicht ersetzen; zumal „Pop-Up-Radwege“ häufig nur auf der Strecke ein Angebot für die Radfahrenden darstellen und diese in den Knotenpunkten häufig alleine lassen.

Neben der Attraktivität, dem Komfort und der Sicherheit sind Schnelligkeit – hinsichtlich Zeitverluste und Direktheit der Wegeverbindung – und Durchgängigkeit ein wesentliches Qualitätskriterium von Radverkehrsinfrastrukturen. Daher bedarf es zusammenhängender Radverkehrsnetze. Entscheidend für die Zeitverluste und damit für die Schnelligkeit und die Durchgängigkeit sind in diesen Netzen weniger die Streckenabschnitte, sondern die Stellen, an denen Straßen und Wege gekreuzt oder gequert werden müssen.

Die besondere Bedeutung von Kreuzungen wird nicht zuletzt durch die intensive Diskussion über die sog. „Geschützte Kreuzung“ oder der umfangreichen Behandlung von Kreuzungs- und Querungsstellen in Leitfäden ersichtlich. Im Leitfaden für Planung, Bau und Betrieb von Radschnellverbindungen in NRW sind alleine 20 Prinzipskizzen für die Führung von Radschnellverbindungen an Kreuzungen und Einmündungen enthalten.

Nicht nur Strecken und Kreuzungen sondern auch Querungen

Gegenüber der Führung des Radverkehrs an Kreuzungen (zumeist von Straßen für den Kfz-Verkehr) wird den Querungsstellen, an denen ein Radweg eine Straße „kreuzt“, oft nicht die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt. Allerdings muss auch hier die planerische Entscheidung getroffen werden, wer Vorrang hat. Die AGFS hat schon 2013 mit der Fachbroschüre „Querungsstellen für den Radverkehr“ Möglichkeiten zur sicheren, komfortablen und z.T. bevorrechtigten Führung des Radverkehrs an innerorts und außerorts gelegenen Querungsstellen sowie im Bereich des Ortseingangs aufgezeigt. In der Praxis wurden diese Lösungsvorschläge seitdem vielfach umgesetzt.

Diese Broschüre wurde nunmehr fortgeschrieben und zu einem Leitfaden weiterentwickelt. Es sind die bisherigen Varianten optimiert und zusätzliche Lösungsvorschläge in den Leitfaden aufgenommen worden. Insbesondere die Möglichkeiten für Fahrradstraße zur Querung von Straßen wurde ergänzt. Die Anzahl an dargestellten Querungsstellen ist somit von 18 auf 28 gestiegen. Gleichzeitig wurden Aktualisierungen auf Grundlage der veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen vorgenommen.

Auch der Fußverkehr quert

Neben attraktiven, komfortablen, sicheren, direkten und durchgängigen Radverkehrsnetzen stellen ebenso attraktive, komfortable, sichere, direkte und durchgängige Fußwegeverbindungen ein wichtiges Element für die Sicherung der Mobilität der Bevölkerung dar. Dies bezieht sich nicht nur auf die Freihaltung von Gehwegen von missbräuchlichem Parken von Fahrzeugen aller Art auf diesen, sondern insbesondere auch auf die Möglichkeit zur Querung von Straßen.

Durch die Erweiterung des Leitfadens für Querungsstellen um einen eigenen Abschnitt zu Querungsstellen für den Fußverkehr mit insgesamt 18 Lösungsmöglichkeiten für die Gestaltung von Querungsstellen für den Fußverkehr wird die Bedeutung des Fußverkehrs nochmals hervorgehoben.

Mit steigendem Anteil an Radfahrenden wird auch die Anzahl an Konflikten mit dem Fußverkehr zunehmen. Daher wurde in zwei Gestaltungsvarianten eine Bevorrechtigung des Fußverkehrs gegenüber dem Radverkehr aufgezeigt. Es gilt die schwächeren Verkehrsteilnehmenden vor den stärkeren zu schützen. Und dies wird zukünftig häufiger bedeuten, dass der Fußverkehr auch Vorrang vor dem Radverkehr bekommt.

Freie Rechtsabbieger sind keine Lösung

An vielen Knotenpunkten wird zur beschleunigten Abwicklung der rechtsabbiegenden Kfz-Verkehr über gesonderte Fahrbahnen neben Dreiecksinseln ohne Signalisierung direkt geführt. Diese Führung stellt ein permanentes Sicherheitsrisiko für den Fuß- und Radverkehr dar und kann daher nicht im Sinne der Förderung der Nahmobilität sein. Zudem widerspricht es dem Gedanken, dass die Leichtigkeit nicht über der Sicherheit stehen darf.

Der fortgeschriebene Leitfaden verzichtet daher ganz bewusst auf die in der 1. Auflage noch vorhandene Darstellung von Lösungsmöglichkeiten zur Querung von „freien“ Rechtsabbiegerfahrbahnen. Vielmehr plädiert die AGFS dafür, bestehende innerörtliche „freie“ Rechtsabbieger zurückzubauen oder mit einer Signalisierung nachzurüsten.

Planfrei und innovativ denken

Der neue Leitfaden „Querungsstellen für die Nahmobilität“ zeigt Lösungsmöglichkeiten für die plangleiche Querung auf. An manchen Stellen wird es aufgrund der hohe Kfz-Belastung auf der zu querenden Straße keine Möglichkeit zur Bevorrechtigung des Fuß- und Radverkehrs geben können; teilweise noch nicht einmal die Möglichkeit einer Querung mit akzeptabler Wartezeit. An diesen Stellen ist daher nur eine planfreie Querung möglich. Für Radschnellverbindungen und zum Teil auch für Radvorrangrouten werden planfreie Lösungen daher zukünftig häufiger in Betracht zu ziehen sein. Erfolgreiche Radnationen wie Dänemark und Niederlande machen es vor.

Neben planfreien Lösungen zeigen uns bspw. die Städte in den Niederlanden auch immer wieder, dass innovatives Denken auch zu anderen Lösungen führen kann. So zeigt die Stadt Zwolle schon seit 2013, dass es neben planfreien Lösungen, die es in der Stadt auch gibt, ebenso fahrradfreundliche Kreisverkehre geben kann, die dem Radverkehr Vorrang ermöglichen. Die Stadt Veenendaal hat einen ähnlichen „Fahrradkreisel“ im letzten Jahr realisiert. Wie mit Hilfe von Kreisverkehrslösungen auch „abknickende“ Vorfahrtsstraßen in Vorrangkreuzungen für den Radverkehr umgewandelt werden können zeigen u.a. die Städte Groningen und Leiden.

Da es nicht immer die großen und innovativen Lösungen sein müssen und es nicht immer die hochbelasteten Kfz-Straßen sind, die es zu queren gilt, stellt der nun vorliegenden erweiterten Leitfaden eine wichtige Planungshilfe für die Entwicklung von attraktiven, komfortablen, sicheren, schnellen und durchgängigen Radnetzen dar.

Wenn der Radverkehr weiter an Bedeutung gewinnen soll, darf dieser an Stellen, an denen dieser Straßen queren oder kreuzen muss, nicht ständig zum Stehen kommen. Zukünftig muss es für Radfahrende an Kreuzungen und Querungsstellen heißen: Non-Stop statt Stop-and-Go!

Die Broschüre ist hier als Download verfügbar.

Vorveröffentlichung aus unserem Mitgliedermagazin "nahmobil" Heft 17 Frühjahr 2021
Verfasst von Michael Vieten, IGS Ingenieurgesellschaft Stolz mbH