Klimawandel und Nahmobilität

Das Klima, der Wandel und die Folgen

Kann Nahmobilität zum Abmildern des Klimawandels beitragen? Wie verändert sich Nahmobilität bei fortschreitendem Klimawandel?

Der Klimawandel ist die größte Herausforderung für die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten. Das dürfte spätestens nach den verheerenden Unwettern im Sommer 2021 jedem deutlich geworden sein. Meteorologen sprechen vom häufigeren Eintreten von Extremwetterereignissen. Die Sommer werden heißer, Niederschläge werden kräftiger, Stürme treten häufiger auf. Über die Auswirkungen wurde bereits viel geschrieben, siehe z.B. auf der Webseite des Umweltbundesamtes1. Damit verbunden sind direkte Folgen für die Menschen bis hin zu Todesfällen.

Es besteht also unmittelbarer Handlungsbedarf. Auf der einen Seite sind Maßnahmen zum   Abschwächen des Klimawandels notwendig. Auf der anderen Seite besteht die Mammutaufgabe darin, die Folgen des Klimawandels, die sich bereits abzeichnen und zum Teil schon eingetreten sind, aufzufangen. Ersteres ist eine Frage der Verhaltensänderung, Letzteres ist eine Frage der  Neuorientierung von Stadtentwicklung und Infrastruktur.

Der Verkehr trägt in nicht unerheblichem Maße zum Klimawandel bei. Rund 21% der Treibhausgasemissionen werden durch den Verkehr erzeugt. Der Ersatz von Benzin- und Diesel-Kfz durch andere Antriebsformen kann einen guten Anteil des Ausstoßes reduzieren. Wesentlich sinnvoller für das Klima und den Lebensraum Stadt ist der Umstieg auf Bus und Bahn, vermehrt Rad fahren und zu Fuß gehen sind ebenfalls gute Alternativen. Das sind mittlerweile gut bekannte und allgemein anerkannte Möglichkeiten.

Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln

Die Deutschen sind sich dessen bewusst, dass der Klimawandel eine Bedrohung der Zukunft darstellt. So hat die neueste AXA-Risikostudie2 2021 gezeigt, dass der Klimawandel sowohl bei den befragten Experten als auch bei der Gesamtbevölkerung auf Platz 1 der zukünftigen Bedrohungen liegt. 56% der Bevölkerung und 66% der Experten stimmen der Aussage zu: „Der Klimawandel und seine Auswirkungen zählen zu den bedeutendsten Risiken der kommenden fünf bis zehn Jahre.“ Es gibt ein großes „Aber“: Mehr als ein Drittel der Befragten gab an, dass der Klimawandel den eigenen Alltag nicht betrifft. Hier fehlt noch das Problembewusstsein, es besteht eine große Diskrepanz zwischen Handeln und Wissen. Ein anderes Beispiel für die Diskrepanz zwischen Handeln und Wissen ist die weiter zunehmende Motorisierung in Deutschland. Eigentlich wissen wir alle, dass mehr Rad fahren und zu Fuß gehen genauso wie mehr Bus und Bahn fahren notwendig sind, um dem Klimawandel zu begegnen. Trotzdem steigen die Verkaufszahlen der Pkws in Deutschland weiter, die Motorisierung nimmt stetig zu. Die Nutzung des Autos für alltägliche Verkehre hat sich durch COVID-19 weiter verstetigt, wir fahren wieder mehr Auto.

Nahmobilität ist Klimaschutz!

Ein gutes Angebot an Rad- und Fußverkehrsanlagen ist Voraussetzung für die Stärkung der Nahmobilität. Wir in Nordrhein-Westfalen sind aktuell in einer Aufbruchphase. Immer mehr Kommunen erkennen, dass die Ausstattung mit Infrastruktur für Nahmobilität eine Grundvoraussetzung für eine zukünftig nachhaltige Mobilität ist. Zugleich tritt am 1. Januar 2022 das Fahrrad- und Nahmobilitätsgesetz (FaNaG NRW) in Kraft mit der Kernforderung, den Radverkehrsanteil auf 25% im Durchschnitt von Nordrhein-Westfalen anzuheben. Das ist eine Mammutaufgabe mit einem hohen finanziellen und personellen Investment. Für die Kommunen stehen verschiedene Fördertöpfe bereit, um Infrastruktur zu bauen. Für das Einwerben von neuen Planer*innen hat die AGFS die Kampagne „PLANE DEINE STADT!“ ins Leben gerufen. Um die vorhandenen Planungskräfte effizient einsetzen zu können, sind sicherlich auch neue Denkmodelle notwendig.

Kreative Ideen für die zukünftige Infrastruktur

Zukünftig wird es immer wichtiger, dass die Einzeldisziplinen nach gemeinsamen Lösungen suchen. Wasserwirtschaft, Grünraumplanung, Mobilität, Architektur u.a. sind alle vom zu- künftigen Klima abhängig. Die Klimafolgenanpassung wird damit zu einer städtebaulichen Aufgabe mit integrativem Charakter. Die „blaue“ Infrastruktur muss angepasst werden, um die zukünftigen Starkregenereignisse auffangen zu können. Retentionsflächen und Rückhaltebecken sind nur zwei Stichworte dazu. Die „grüne“ Infrastruktur muss zukünftig für Verdunstungskühle sorgen, aber auch als Zwischenspeicher für Starkregen dienen und den Bewohnern Schatten bieten. Die Architektur muss neue Wege finden, Gebäude resilient für die zukünftigen Anforderungen zu gestalten sowie die blaue und die grüne Infrastruktur zu integrieren. Nahmobilität soll zukünftig einen größeren Anteil des innerstädtischen Verkehrs übernehmen. Damit das auch bei zukünftig anderen klimatischen Bedingungen gut funktionieren kann, muss bereits heute mit der Umsetzung vorhandener Ideen begonnen werden. Radverkehr wird sinnvollerweise in Netzen gedacht. Was liegt näher, als zukünftige grüne Schneisen auch für den Radverkehr zu nutzen? Die AGFS propagiert bereits seit einigen Jahren ein „System der grünen Achsen“. Mit diesem vom Kfz-Verkehr getrennten eigenen Radverkehrsnetz sind mehrere Vorteile verbunden:

  • die Sicherheit für den Radverkehr wird verbessert,
  • die Fahrgeschwindigkeit erhöht sich,
  • Radfahren auf beschatteten Strecken ist auch bei größerer
  • Hitze angenehmer,
  • die grünen Achsen dienen als Speicher für Regenfälle,
  • Klimafolgenanpassung und Radinfrastruktur ergänzen sich optimal.

Radfahren wird dadurch attraktiver und zieht mehr Umsteiger von anderen Verkehrsmitteln an. Auch für den Fußgänger ist eine Klimafolgenanpassung wichtig. Durch die höheren Temperaturen heizen sich die Innenstädte stärker auf, das Zufußgehen wird für einige Gruppen beschwerlicher. Hier gilt es, im Straßenraum selber Anpassungen vorzunehmen, die dem entgegenwirken. Ein gutes Beispiel dafür sind die klimaangepassten Straßen der Stadt Wien. Mehrere Elemente sorgen parallel für ein angenehmes Klima in bestimmten Straßenabschnitten. So gibt es dort u.a.

  • Kühlbögen, an denen Wasser verdunstet,
  • Trinkwasserstellen,
  • Baumpflanzungen zur Beschattung,
  • Stärkung der Nahmobilität durch neue Fahrradabstellanlagen,
  • Verbreiterung der Gehflächen,
  • Stühle, Bänke und Tische für Aufenthalt und Ausruhen (ältere Menschen),
  • Grünanlagen.

Die Zieglergasse in Wien war die erste klimaangepasste Straße und verdeutlicht dies exemplarisch (www.wien.gv.at/bezirke/neubau/umwelt/kuehlemeile.html).

Wiederaufbau nach Überschwemmungen

Im Juli 2021 haben Starkregenereignisse zu sintflutartigen Überschwemmungen geführt. Flüsse mit eigentlich nur wenig Wasser haben innerhalb kürzester Zeit ein Vielfaches der Wassermenge transportieren müssen. Dafür sind diese kleineren Flüsse und Bäche nicht ausgelegt. Die Folgen waren, wie allgemein bekannt, Überschwemmungen und Zerstörungen großen Ausmaßes. Die Bewohner der betroffenen Gebiete mussten teilweise enorme persönliche Leiden ertragen, vom Verlust ihres Eigentums bis hin zu Todesfällen. Der Wiederaufbau wird nach heutigen Schätzungen mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Betroffen und zerstört wurde auch die öffentliche Infrastruktur. Auch hier wird es lange Zeit dauern, bis alles wieder benutzbar ist. Neben all dem Leid bietet ein Neuaufbau aber auch eine Chance. Die zerstörten Straßen und Wege können in einer für zukünftige Verkehrsmengen ausgelegten neuen Infrastruktur errichtet werden. Radverkehrsanlagen können in ausreichender Breite direkt neu geplant werden, Fußwege im Sinne der Klimafolgenanpassung (Beispiel Wien) sind ebenfalls anders neu zu errichten.

Fazit: Klima – Wandel – Nahmobilität

Wir befinden uns aktuell an einem Scheidepunkt der Entwicklung. Weitermachen wie bisher wird unweigerlich zu dramatischen Klimaveränderungen führen. Entgegensteuern auf allen Ebenen ist das Gebot der Stunde. Wir brauchen ein verändertes Verhalten und eine angepasste Infrastruktur, um den Klimawandel zu stoppen und den bisher bereits eingetretenen Klimaänderungen adaptiv entgegenzuwirken. Noch haben wir eine Chance, nutzen wir diese!
 

Die Förderlandschaft in Deutschland ist vielfältig. Um hier den Durchblick zu behalten, ist ein Blick auf eines der folgenden Webportale hilfreich, die einen umfassenden Überblick zu Fördermitteln bieten:

1 www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/klimawandel/haeufige-fragen-klimawandel

2 AXA Deutschland Future Risks Report November 2021

Dieser Artikel ist zuerst in unserem Mitgliedermagazin "nahmobil" Heft 18 Winter 2021 erschienen.